Streit um Lärm, Werte und viel Geld (02.05.2026)
Vortrag zur Windkraft von Prof. Andreas Schulte gut besucht
Von Viola ter Horst
NOTTULN. Klare Thesen, scharfe Zuspitzungen – und immer wieder Gegenargumente: Prof. Dr. Andreas Schulte baut seinen Vortrag in Nottuln bewusst als Spannungsfeld auf. Eingeladen von der Initiative Gegenwind Nottuln spricht der frühere Lehrstuhlinhaber für Waldökologie, Forst- und Holzwirtschaft an der Universität Münster im Forum des Rupert-Neudeck-Gymnasiums – mitten in einer ohnehin aufgeheizten lokalen Debatte um neue Windenergieanlagen.
Dabei grenzt er sich von einfachen Zuordnungen ab. „Ich habe vor 40 Jahren in der Fußgängerzone als Student gestanden und für ein 100.000-Dächer-Programm Solarenergie demonstriert“, sagt Schulte. Selbstverständlich gebe es einen Klimawandel, so der Professor. Klimaschutz sei wichtig, könne aber „nur international erreicht werden“. Sein Ansatz sei kein schlichtes Pro oder Contra. Vielmehr orientiere er sich – angelehnt an Hegel – an einem Prinzip: „These und Antithese bilden.“
So arbeitet er sich durch den gut besuchten Abend. Rund 100 Zuschauer sind gekommen, davon viele Vertreter der Initiativen gegen die geplanten Anlagen in Nottuln, aber auch Befürworter und ansonsten Interessierte.
Studien zu Immobilienwerten stellt Schulte vor – und relativiert sie zugleich. „Sie persönlich mit Ihrem Haus haben von einem Mittelwert überhaupt gar nichts.“ Viele Untersuchungen seien veraltet oder arbeiteten mit Angebotspreisen statt tatsächlichen Verkäufen. Entscheidend sei die Realität vor Ort: „Der Wert entsteht durch Angebot und Nachfrage.“ Er zitiert Aussagen von Maklern, nach denen in manchen Gegenden ein Haus gar nicht mehr nachgefragt sei.
Schulte macht immer wieder bei den oft geläufigen Windkraft-Thesen aufmerksam, dass man diese hinterfragen müsse. Auch den Kommunen legt er das nahe. So einige Aussagen und Argumente entlarvt er als geschickte Marketingsprüche. „Im Vergleich zu was?“ fragt er mit Blick auf Angaben zu CO₂-Einsparungen, wenn sie ohne Bezugswert genannt werden. Zahlen seien abhängig vom gewählten Maßstab.
Deutlich wird zudem die wirtschaftliche Dimension. „Es geht ums Geld“, sagt Schulte. Subventionen spielten eine zentrale Rolle. Für Flächen würden teils „50.000 oder 150.000 Euro pro Hektar“ gezahlt. Erste juristische Prüfungen liefen, ob solche Vereinbarungen sittenwidrig oder wucherähnlich sein könnten. Kritisch äußert sich Schulte auch zu Bürgerbeteiligungsmodellen. Diese würden häufig als sichere Beteiligung an der Energiewende dargestellt, tatsächlich handele es sich aber oft um nachgelagerte Finanzprodukte mit Risiken – sogenannte Nachrangdarlehen. Das ist eine Beteiligungsform, die auch in Nottuln konkret angeboten wird. Im Insolvenzfall gelten Anleger dabei als nachrangige Gläubiger und gehen dann häufig leer aus. „Passen Sie genau auf und lesen Sie das Kleingedruckte“, mahnt er in diesem Zusammenhang. Viele Anleger unterschätzten die möglichen Verluste, die bis zum Totalverlust reichen könnten.
Beim Thema Schall prallen die Positionen besonders deutlich aufeinander. Schulte verweist auf Belastungen durch hörbaren und tieffrequenten Schall, während andere auf geltende Grenzwerte verweisen. Aus dem Publikum meldet sich Leon Machens zu Wort, der sich mit den Kritiken an Windenergie kritisch auseinandersetzt und eine eigene Webseite erstellt hat. Er hinterfragt Schultes Quellen, zweifelt an einzelnen Darstellungen und hakt vor allem bei den Aussagen zu Schall und gesundheitlichen Auswirkungen nach.
Am Ende will ein Zuhörer wissen: „Was ist denn die Lösung?“ Schulte verweist auf einen Energiemix. Batteriespeicher müssten ausgebaut werden, ebenso verschiedene Energiequellen. Auch die Kernenergie spricht er an – verbunden mit Hinweisen auf neue Ansätze zur Wiederaufbereitung von Atommüll. Eine einfache Antwort gebe es nicht. Klar für ihn: Wälder dürften aus seiner Sicht nicht einfach für Windkraftanlagen gerodet werden. Dabei gehe es nicht nur um geschädigte Bestände, etwa durch Borkenkäfer oder Trockenheit, sondern ausdrücklich auch um gesunde Waldflächen. Solche Eingriffe würden ganze Lebensräume zerstören.
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