Auf der Insel Vasklot in Finnland wurde 2021 ein elektrischer Heizkessel mit einer Leistung von 40 MW vom Unternehmen Vaasan Voima in Betrieb genommen.
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Europaweit 12 Milliarden Verlust: Deutschlands Wind- und Solarkrise hat Finnland gelöst (05.03.2026)

Von Vera Stary

Das große Kannibalen-Problem: Mangelnde Flexibilität im Stromsystem ist eine der großen Bedrohungen der Energiewende, zeigt eine Studie. Besonders Deutschland hat mit sinkenden Erlösen zu kämpfen – die Finnen hingegen haben das Problem für sich schon gelöst.

Deutschland baut Wind- und Solarparks in Rekordtempo aus. Doch je mehr grüner Strom ins Netz fließt, desto weniger ist er wert. Eine neue Studie der Unternehmensberatung Boston Consulting warnt: Der Erfolg der Erneuerbaren Energien untergräbt ihre eigene Wirtschaftlichkeit. Das eigentliche Problem ist nicht zu wenig Kapazität, sondern fehlende Flexibilität im System. Doch ein Land zeigt schon heute, wie es richtig geht: Finnland.

Der Paradoxon der Energiewende

Erneuerbare Energien sind weltweit zur Nummer eins der Stromerzeugung aufgestiegen. In Europa hat dieser Erfolg 2025 jedoch zu Einnahmeverlusten von mehr als 14 Milliarden US-Dollar (rund 12 Milliarden Euro) geführt, berichten die Forscher. Der Grund: „Value Cannibalization“ – die Selbstkannibalisierung des Marktwerts.

Wenn an windigen oder sonnigen Tagen viele Anlagen gleichzeitig Strom produzieren, aber die Nachfrage niedrig ist, stürzen die Großhandelspreise ab. Windkraftanlagen erzielen in stark betroffenen Märkten nur noch 55 bis 60 Prozent des Durchschnittspreises, Solaranlagen teilweise sogar nur 45 Prozent.

Bisweilen kommt es sogar zu Stunden mit negativen Strompreisen – Erzeuger müssten dann dafür bezahlen, dass ihnen Strom abgenommen wird. Allein in Deutschland gab es nach Angaben der Bundesnetzagentur im abgelaufenen Jahr insgesamt 573 solcher Stunden, knapp doppelt so viele wie noch 2020. Das bedeutet: Je schneller der Ausbau, desto besser für das Klima und für Privatkunden. Für Erzeuger steigt aber das Risiko sinkender Erlöse.

Nicht „noch mehr Gigawatt“

Das größte Hindernis der Energiewende liegt daher nicht im Ausbau, sondern in der mangelnden Fähigkeit des Stromsystems, mit Schwankungen umzugehen, heißt es in der BCG-Analyse. Besonders tägliche Schwankungen werden zum Problem.

Die Lösung lautet, so die Experten, nicht „noch mehr Gigawatt“, sondern systemische Flexibilität: Strom muss genau dann verbraucht, gespeichert oder transportiert werden, wenn er reichlich vorhanden ist. Nur so gewinnen Erneuerbare wieder an Wert und die Energiewende bleibt bezahlbar und sicher.

Finnland als Vorbild

Wie lässt sich dieses Problem lösen? Ein Blick nach Finnland könnte helfen, heißt es in der Studie. Auch in dem skandinavischen Land kommen etwa 27 Prozent des Stroms aus Windkraft. Aber auch bei Wind ist die Stromerzeugung vom Wetter abhängig, also nur schwer planbar. Finnland löst das Problem, indem es noch viel mehr auf Flexibilität setzt – also Möglichkeiten, den Strom smart zu nutzen oder zwischenzuspeichern.

Zwei entscheidende Maßnahmen machen laut der BCG-Forscher den Unterschied:

  1. Batterien + Wasserkraft + Kernkraft: Große Batteriespeicher fangen die täglichen Schwankungen auf (etwa, wenn mittags viel Windstrom da ist). Die finnischen großen Wasserkraftwerke mit Stauseen sowie Kernkraftwerke gleichen Schwankungen über Stunden oder Tage aus.
  2. Elektro-Heizkessel: Wenn zu viel Windstrom da ist, wird der Strom in riesige elektrische Heizkessel geleitet. Die machen daraus sofort heißes Wasser für die Fernwärme in Städten oder Dampf für die Industrie. Bis Ende 2025 gab es fast 3000 MW solcher Kessel. So wird überschüssiger grüner Strom sinnvoll genutzt, statt einfach „weggeworfen“ zu werden.

Was Deutschland von Finnland lernen kann

Was die Autorinnen und Autoren der BCG-Studie für die deutsche Energiewende empfehlen:

  • Nicht nur „mehr Windräder überall“ bauen, sondern schauen: Wo bringt ein neues Windrad oder Solarfeld dem ganzen System wirklich am meisten?
  • Windräder dürfen (und sollen) manchmal runtergeregelt werden, wenn zu viel Strom da ist – statt alles um jeden Preis einzuspeisen.
  • Große Stromverbraucher (Fabriken, Rechenzentren, Elektroautos, Wärmepumpen in Häusern) so steuern, dass sie genau dann Strom ziehen, wenn er günstig ist.
  • Neue Regeln am Strommarkt schaffen: Wer flexibel ist (Speicher baut, Last verschiebt, Wärme aus Strom gewinnt), sollte dafür extra belohnt werden.

Die zentrale These der Studie lautet: Wenn die Energiewende scheitert, dann nicht an mangelnden Windrädern oder Solarmodulen scheitern – sondern an einer veralteten Markt- und Systemarchitektur. Wer Volatilität als Chance begreife und Flexibilität systematisch aufbaue, könne Erneuerbare wirtschaftlich machen, schlussfolgert die Analyse.

Gewaltiges Potenzial

Das Potenzial, das derzeit noch brachliegt, ist Experten zufolge gewaltig. Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey geht davon aus, dass durch den starken Ausbau von Wind und Solar das Stromnetz in Europa immer schwankender wird.

Der Analyse zufolge brauche es 75 Prozent mehr Flexibilität bis 2030, um das auszugleichen. Gleichzeitig könnten dann flexible Unternehmen wie Rechenzentren profitieren und allein in Europa bis zu 8 Milliarden Euro zusätzlichen Wert schaffen – einfach indem sie Strom dann nutzen, wenn er reichlich vorhanden ist. 

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